Zentralasientour die Erste

Mein Sommer 2015 war ereignisreich. Ich bin so viel gereist wie nie. In den nächsten Posts werde ich versuchen meine Reisen des letzten Sommers zu rekapitulieren. Unsere Tour durch Osteuropa war so ausgedehnt, dass ich dies in mehreren Teilen tue. Hier also der erste Teil meiner Expedition Richtung Sibirien.

Gemeinsam mit den Jungs und Mädels vom Verkehrte Welt e.V. machten wir uns Ende August 2015 auf den Weg gen Osten. Jedes Jahr unternimmt der Verein solche Reisen um Partneruniversitäten zu besuchen und den internationalen Austausch am Leben zu halten. Diese Chance wollten Loverboy und ich uns nicht entgehen lassen. Der Herr ist selbst in Russland geboren und so wollten wir nun seine alte Heimat erkunden.

Start war in Dresden. Die Hinreise erfolgte komplett per Zug. Wer da sofort gähnend an nächtliche Fernsehhighlights wie „Die schönsten Eisenbahnstrecken Deutschlands“ denken muss, sei gewarnt. Mit dem Zug durch Osteuropa ist ein spannendes Unterfangen. Den ersten Tag verbrachten wir mit viel Umsteigen. Unser Nachtzug in die Ukraine startete in Breslau. Es galt also diesen zeitnah zu erreichen. Mit 25 Jahren begab ich mich also das erste mal auf entbehrungsreiche Rucksacktour. Das heißt ich schwankte am ersten Tag zwischen absoluter Übermüdung, leichter Angespanntheit und der ständigen Angst nach hinten umzukippen. Mein Rucksack ist ungefähr so groß wie ich und wiegt auch fast so viel.

IMG_595012klein

Die Nacht verbrachten wir also im Zug von Polen nach Lviv, zu deutsch Lemberg. Zu uns ins Abteil hatte sich, wie sollte es anders sein, ein Brite verirrt. Ein Herr aus Manchester, der so oft er kann in Krakau und Lemberg Urlaub macht. Das hieß für mich, ich konnte mit meinem Englisch glänzen, ich war sofort in meinem Element. Das sollte das letzte Mal auf dieser Reise gewesen sein.

Viel Schlaf gab es nicht. Gegen zwei wurden wir aus den Federn geklopft. Erst polnische, dann ukrainische Grenzbeamte, die uns streng anschauten unsere Pässe mitnahmen und eine Weile verschwanden. Trotz Sprachbarriere bekamen wir unsere Pässe ausgestattet mit den ersten Stempeln wieder. Gegen 7 Uhr morgens erreichten wir unser Ziel und alle waren erwartbarer Weise unglaublich wach.

IMG_595412klein

Wir verbrachten zwei Nächte in Lemberg und hatten damit jede Menge Zeit die Stadt zu erkunden. Die Mitarbeiter der GIZ (die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) haben sich mit uns getroffen,  uns durchs Zentrum geführt und viel zur Stadtentwicklung erklärt. Es ist eine sehr europäische Stadt mit einer wunderschönen Altstadt. Da der Griwna recht schwach ist und die Lebenshaltungskosten im Vergleich zu Deutschland recht niedrig sind, kommt man mit wenig Geld sehr weit. Selbst in der teuren Hipsterbar, wo alles in Einmachgläsern serviert wird bezahlt man weniger als 1€ pro Bier.

IMG_59491klein

In der Vergangenheit wurde Lviv zwischen vielen Ländern hin und hergereicht. Es war schon ein Teil Deutschlands, Polens, Russlands und Österreichs. Damit haben die Einwohner ein starkes Verlangen nach Selbstständigkeit. So macht sich auch der aktuelle Konflikt zwischen der Ukraine und Russland in der Stadt bemerkbar. Man steht klar zur Ukraine. Das unterstreichen die Landesfahnen und patriotischen Shirts, welche es an jeder Ecke gibt. Wem das nicht reicht, der kann sich auch mit Putin-Toilettenpapier eindecken.

IMG_596112klein

Der erste Teil der Reise gestaltete sich sehr angenehm. Es war schönstes Sommerwetter und die Reisegruppe harmonierte. Bei so einer zusammengewürfelten Gruppe ist das nicht selbstverständlich. Die meisten sind Komilitonen und studieren zusammen Verkehrswissenschaften, aber Ilja und ich fallen da komplett aus der Rolle.

IMG_59671klein

Am Anfang hab ich mich etwas schwer getan mit 11 anderen in einem Schlafraum zu verbringen. Das Hostel ist in Ordnung. Doch die hygienischen Standards unterscheiden sich stark von dem was ich sonst gewohnt bin. Aber damit habe ich schon gerechnet und soll meiner Reiselust keinen Abbruch tun. Toilettenpapier nicht mit runterspühlen zu dürfen, finde ich allerdings trotzdem sehr gewöhnungsbedürftig.

IMG_59691klein

IMG_59701klein

Die Lemberger scheinen sehr spezielle Ansichten zu haben. Denn man erklärt uns, dass zur Zeit alle möglichen Straßen saniert werden. Die Bürger lieben Kopfsteinpflaster und so werden die glatten, angenehm zu befahrenden Straßen aufgerissen und zurück in das vorige Jahrhundert befördert.Fahrradfahren ist hier nicht zu empfehlen ohne sofortige Unfruchtbarkeit zu riskieren. Und tatsächlich überall sind Baustellen. Doch scheint man hier sehr gelassen an Aufgaben heranzutreten. Mir fällt auf das immer einer arbeitet während fünf Leute zuschauen. In Kombination mit den sommerlichen Temperaturen fühlte es sich eher  an als wäre dies ein Urlaub in der Toskana.

IMG_59751klein

Für den unerfahrenen Osteuropareisenden ist Lviv ein guter Einstieg. Es ist sozusagen die light Variante. Mit Englisch kommt man hier noch gut zurecht und man ist Touristen gewöhnt. Trotzdem signalisieren die Babuschkas  die, gebückt und in einer Tour schimpfend, die Fußwege kehren, wir sind fernab vom Massentourismus.

 

IMG_59811klein

Nach mehreren Touren durch die Stadt und einer Besichtigung im GIZ Büro verging die Zeit schnell. Gegen Abend des dritten Tages traten wir den nächsten Teil der Reise an. In einer ratternden Straßenbahn ging es wieder Richtung Bahnhof. Hier kauft man übrigens die Fahrkarten beim Fahrer und entwertet diese per Locher selbst.

IMG_59851klein

Wir fuhren nun mit dem Nachtzug weiter Richtung Moskau. Als einzige Deutsche die Platzkart fuhren, wurden wir kritisch beäugt. Jeder Einstieg in einen Zug ist begleitet von stundenlangem Studieren unserer Reisepässe.  Das liegt allerdings auch an der Gruppengröße.

Platzkart ist ein Schlafwagen der nicht aus einzelnen Abteilen besteht. Stattdessen sind im ganzen Wagon  offene Sitzecken verteilt die zum Bett umfunktioniert werden. Es ist die billigste Art zu reisen und der für Einheimischen üblichste Transportweg. Trotz fehlender Privatsphäre ist es ein sehr entspanntes Reisen. So tuckerten wir schwitzend Richtung Russland. Unserer Mitfahrer im Wagon waren alle nicht gewillt das Fenster zu öffnen. Es kam also muckelige Saunastimmung auf.

IMG_59941klein

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s