Official Omsk – Zentralasientour die Vierte

Nach zwei Wochen Tour quer durch Osteuropa ist die Hälfte der Reise rum. Jetzt beginnt der offizielle Teil. Denn in Omsk, weit hinter dem Ural, im tiefsten Sibirien (ja auch dort gibt es Zivilisation), befindet sich eine Partneruniversität der TU Dresden, die Omsk State Transport University, kurz OMGUPS. Dank ihr haben wir ein kostenloses Visum erhalten und durften nun eine Woche russisches Studentenleben beobachten. Für jemanden der sehr selbstständig ist, ist das eine Belastungsprobe. In dieser Woche machte sich der Kulturschock breit.

Kulturell gesehen hat man in Russland als junger Mensch keine Ahnung von nichts. Ist ja auch in Deutschland nicht anders. Aber in Omsk betrifft das auch die Regeln im Studentenwohnheim. Jedes Wohnheim hat eine Art Rezeption an der ältere Damen die Zimmerschlüssel verwalten. Stellt man sich mit denen nicht gut, ist man bei der Rückkehr zu späterer Stunde ausgesperrt. Sich, nachdem man schon vor einer halben Ewigkeit bei den Eltern ausgezogen ist, noch so mit Regeln einschränken zu lassen, ist schwierig.

Was das Studium angeht, ist auch das ein wenig anders als in Deutschland. So wird praktisch jede weitere Ausbildung nach der Schule unter Studium geführt. An der OMGUPS werden also auch Lokführer und Schaffner ausgebildet. Bildungswege die bei uns eher unter den Begriff Ausbildung fallen und über Berufsschulen laufen, werden in Russland über die Universität abgedeckt.

Das Campusleben wurde uns nicht einfach gemacht. Internet gab es keins, lenkt ja nur ab. Essen gibts extra für die Deutschen auf normalem Geschirr (für russische Studenten gab es nur Plastikteller), dafür ist das Frühstück genauso deftig wie das Mittagessen. Sich gegen 8 Uhr morgens fettige Hühnerschenkel mit Kartoffeln reinzuzwingen, fiel mir schwer. Im größten Mittagsansturm wurden wir an der Schlange „normaler“ Studenten vorbeigedrängt. „Achtung, die Deutschen müssen durch und bekommen das gute Geschirr!“ Ein übler Spießrutenlauf. Ich hätte mich lieber normal angestellt. Die OMGUPS ist da aber ein Spezialfall. Es gibt in Omsk auch Hochschulen mit Internet, wo sich auch die Deutschen Besucher normal in der Kantine anstellen und vom selben Geschirr speisen, wie alle anderen Studenten auch. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.

Trotzdem, das Gefühl in einem riesigen Kindergarten zu sein, konnte ich während des Aufenthalts nicht ganz abschütteln. Am Wochenende machten wir einen Ausflug auf die Straußenfarm, die eher einem Streichelzoo mit Wildgehege ähnelte. Aber ich beschwere mich nicht, es gab eine Rentier-Safari, Schaschlik und Eis. Unsere persönliche Kindergärtnerin versuchte uns mit Sätzen wie „Let’s feed the horsies!“ bei der Stange zu halten. Ein absurder Ausflug, aber durchaus unterhaltsam.

Dass in Russland keiner Englisch kann, war mir vorher klar. Aber an einer Uni hatte ich schon etwas mehr Sprachkenntnis erwartet. Schließlich waren Sprachkurse Teil des Studiums. Im International Seminar lasen trotzdem alle ihre Vorträge nur vor. Somit konnten spontane Interessenfragen nicht beantwortet werden. Einfache Satzbildung im Englischen, war für die Meisten ein Problem. Ich habe mich hier wieder eher an die Schulzeit erinnert gefühlt.

Wir durften aber auch positive Erfahrungen mit Hochschulen sammeln. Während unseres Ausfluges an die SIBADI gab es Übersetzer für Deutsch und Englisch, Fotografen, Museumstouren, sogar eine Art Dialog mit Studenten und W-Lan.

so-cute-meme-face-i01Auch hier ist die Ausbildung sehr praktisch. Während OMGUPS die Eisenbahner-Uni ist, ist SIBADI die Auto-Uni. Hier werden also z.B. Mechatroniker ausgebildet. Ich will keine dieser Institutionen schlecht machen. Dafür kenne ich das Bildungssystem in Russland viel zu schlecht. Es zeigt nur wie unterschiedlich die Ansätze sind.

Die zwischenmenschlichen Gepflogenheiten waren in Omsk gewöhnungsbedürftig. Durch die Sprachbarriere allein, kamen wir nicht wirklich mit den Studenten ins Gespräch. Loverboy durfte Simultanübersetzer spielen. Auch als eine von zwei Frauen in einer  Männertruppe zu reisen, führte zu sehr merkwürdigen Begegnungen.

So fiel die Begrüßung zwischen uns und unseren männlichen russischen Kommilitonen, wie folgt aus: Sie gingen die ganze Runde ab, gaben jedem die Hand und gingen an uns zwei Frauen wortlos vorbei. Das sollte höflich sein. Da mein Freund ja neben mir stand und einer Frau die Hand zugeben bekanntlich bedeutet, dem Mann das Eigentum zu klauen, ignoriert man sie lieber. Darüber sind abends im Wohnheim unglaubliche Diskussionen ausgebrannt. Ja, es mag kulturell bedingt sein, sonderlich angenehm fand ich es trotzdem nicht.

Eine obligatorische Stadtführung gab es auch. Das hieß wir wurden wortlos durch die Straßen Richtung Stadtmuseum geführt. Omsk ist keine schöne Stadt, aber interessant. Man scheint in den letzten Jahren ein neues Stadtzentrum zurechtgezimmert zu haben, wo nach und nach die Hipster Coffee Shops einziehen sollen. Um Omsk als Großstadt zu präsentieren, hatte man sich zum Ziel gesetzt eine U-Bahn-Linie zu bauen, denn sowas braucht man als fancy Stadt. Somit ist Omsk die einzige Stadt mit einer U-Bahn-Haltestelle ohne U-Bahn.

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Militär ist in Russland sehr präsent. Jede größere Stadt muss ein Panzermuseum haben und überall hängen Poster mit der Aufschrift „70 Jahre Sieg.“ Gegen Kriegsgedöns helfen Blumen. Davon gibt es einige. Auch in Omsk finden sich schön arrangierte Blumenbeete mit vielen roten Sternen.

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Der Aufenthalt in Omsk war durch die vielen Einschränkungen recht anstrengend. Dafür haben wir einen Einblick in das studentische Leben bekommen. Es war auch der letzte Teil der Reise den wir mit der Gruppe bestritten. Während die anderen nach Kasachstan weiterfuhren, begaben wir uns weiter nach Tomsk. Ein bisschen traurig war es schon, ohne die Chaoten wäre die Reise nur halb so lustig gewesen.

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